Immanuel Kant schrieb 1790 von "unserer Anmaßung, Geschmacksurtheile zu fällen" ...
Immanuel Kant schrieb 1790 von „unserer Anmaßung, Geschmacksurtheile zu fällen“ …

Immanuel Kant schrieb 1790 von „unserer Anmaßung, Geschmacksurtheile zu fällen“ und davon, daß es „keine Wissenschaft des Schönen gibt, noch geben kann„.

Aufgrunddessen, daß sich „die Welt des Schönen durch keine Wissenschaft, sondern allein durch Geschmacksempfinden erschließen lasse“, verzichtet der berühmte Kant denn auch in seiner „Critik der Urtheilskraft“ auf den Begriff der Ästhetik.

Bei aller Hochachtung für den prominenten Königsberger. Doch, sowas gibt es bzw. zumindest gibt es grobe Verstöße gegen Ästhetik.

Heute aus einmal ein Beitrag über Mode und modische Entgleisungen.

Unter einem Hemd sieht nur ein Hemd gut aus, besagt eine alte Regel, die zutreffend und wichtig ist, aber heute – zumindest hat man den Eindruck – in weiten Kreisen kaum bekannt ist.

Immanuel Kant Geschmack
Immanuel Kant sinngemäß: Über Geschmack läßt sich nicht streiten… Bei einem T-Hemd mit rundem Ausschnitt unter einem Ober-Hemd sieht das anders aus…

Gemeint ist natürlich ein Unterhemd und nicht, daß zwei Oberhemden übereinandergetragen werden sollen. (dies als Anmerkung nur sicherheitshalber, bevor nachher noch irgendjemand mit zwei (Ober)-Hemden übereinander auf der Straße herumläuft und meint, das wäre die ganz besonders klassische Art, Hemden zu tragen. Heute muß man ja bekanntlich mit allem rechnen…)

Offenbar ein Verdienst der 68er. In den 80er-Jahren gipfelte die Maxime, daß Mode möglichst geschmacklos – äh locker – daherkommen muß, in der Kombination Jeans / Anzug (Miami Vice) und natürlich darin, daß man unter einem (Ober)-Hemd selbstverständlich kein Unterhemd, sondern ein T-Hemd (t-shirt) trug.

Alles mußte möglichst locker wirken. Auch dann, wenn das Locker-wirken schon wieder extrem gewollt und verkrampft bzw. künstlich-locker / möchte-gern-locker wirkte.

Ist es wirklich locker, unter einem Oberhemd ein „Tiehschört“ zu tragen?

Hemd
Wäh…

Natürlich nicht.

Allerdings tragen es viele und es sieht einfach häßlich aus.

Warum häßlich? Weil viele Leute, die ein Hemd tragen – oder schlimmer noch ein Hemd mit Krawatte tragen – dann oben am Kragen so ein weißes Läppchen Stoff herausragen haben.

Nicht sehr schick und daher erstaunlich, wieoft man das sieht. Der Geschmack scheint überdies (nicht nur bei Hemden, sondern auch bei anderen Kleidungsstücken) regional recht unterschiedlich zu sein.

Während man in Norddeutschland schöne klare Muster und Farben mag, gibt es im alemannischen Raum wirkliche „Geht-gar-nicht“-Muster (man nehme nur Politiker wie Dr. Schlüer oder Hansjörg Walter) . Erst im Raum Genf wird es schlagartig besser (wenn man mal vom Modegeschmack eines Luc Recordon absieht).

Nicht nur für den generellen Modegeschmack, sondern auch für Herren-Hemden lassen sich diese Geschmacksunterschiede zwischen alemanischem und sonstigem deutschsprachigen Raum sowie alemannischem und französischsprachigen Raum feststellen… (besonders schlimm ist es nach eigener Erfahrung in Graubünden)

Doch zurück zum Thema „was unter einem Oberhemd tragen“.

Meine Beichte: Auch ich trage lieber ein T-Hemd als ein achselfreies Unterhemd unter einem Oberhemd.

Und der Tipp: Leute, wenn Ihr schon – genauso wie ich – gern T-Hemden unter einem Oberhemd tragt, so kauft Euch ein T-Hemd (t-shirt) mit V-Ausschnitt.

Sodaß Ihr nicht so ein weißes Läppchen Stoff ober herauskucken habt. Denn das sieht – speziell noch unter einem farbigen Oberhemd – so gruselig aus, daß man nichtmal mehr Immanuel Kants in seinem Werk „Critik der Urtheilskraft“ vertretenen Thesen zustimmen kann, daß man sich über Geschmack nicht streiten könne. Und um 1790 dürfte die Mode-Etikette noch ein bißchen strenger gewesen sein als heute. Vermutlich.

Remo Maßat