Viele Österreicher und Deutsche, die in der Schweiz ankommen, verstehen erst mal nur Bahnhof. Und das, obwohl Deutsch eine der vier „Schweizsprachen“ der Schweiz ist. Doch im Gegensatz zu den übrigen deutschsprachigen Ländern, ist in der Schweiz ein deutlicher Unterschied zwischen Dialekt und Hochdeutsch festzustellen.
Die mehrsprachige Schweiz ist bekannt für Ihre Dialektvielfalt: Schweizerdeutsch, das von über 60 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird (Teile der Schweiz sind Französisch-, Italienisch- und Rhätoromanisch-sprachig), besteht aus hunderten von Mundarten.
Diese weisen in jedem Kanton bestimmte Eigenheiten auf. Auf Berndeutsch heißt es etwas nicht Grüezi, sondern Grüessech. Die beliebteste Mundart ist Bündnerdeutsch, welches im dreisprachigen Kanton Graubünden gesprochen wird und viele Einflüsse von Rhätoromanisch hat, womit markant besonders der Buchstabe A hervortritt. (so heißt es z. B. nicht Grüezi sondern Grüazi, nicht mir, sondern miar usw. usf.)

Die Besonderheiten in der Ausdrucksweise und im Wortschatz können dazu führen, daß es selbst unter Schweizerdeutsch sprechenden kleinen Verständigungsschwierigkeiten beim Kennenlernen kommen kann. Ähnlich Kommunikationsschwierigkeiten zwischen einem Norddeutschen und einem Bayern in Deutschland.
So tun sich viele Deutschschweizer mit Walliserdeutsch schwer. Auch das Appenzell hat einen Dialekt, den viele nicht gut verstehen.
Und obwohl alle Schweizer in der Schule Hochdeutsch lernen, greifen sie in der privaten Kommunikation – sei es schriftlich oder mündlich – auf die Dialekte zurück.
Denn die Alpenländler sind stolz auf ihre Dialekte und verstehen sie als „Sprache der Herzen“.
In den vergangenen Jahren hat sich auch eine vermehrte Aufnahme hochdeutscher Elemente im Sprachgebrauch abgezeichnet. Das bekannteste Beispiel ist wohl „Urlaub“ für „Ferien“.
Diese Entwicklung hängt mit dem vermehrten Konsum deutscher Medien zusammen. In der Schweiz gibt es sogut wie kein Privatfernsehen und das staatliche von Steuergeldern bezahlte Schweizer Fernsehen ist als extrem langweilig verschrien. Hinzu haben die massiven Einwanderungs- sowie Migrationsbewegungen innerhalb des Landes einen Einfluß.
Gemäß einer vor 2 Jahren erschienenen Studie von der Schweizerischen Kreditanstalt (Credit Suisse) soll die Schweiz innert 10 Jahren 1 Million mehr Einwohner haben. Bisher traf die Prognose ein. Leztes Jahr zügelten fast 100.000 neue Menschen in die Schweiz.
So ist beispielsweise im Grenzkanton Thurgau bereits jeder 5. Einwohner deutscher Staatsangehöriger. (die Eingebürgerten der letzten Jahrzehnte nicht miteingerechnet) Regierungsrat Stark forderte vor einiger Zeit sogar öffentlich dazu auf, die Deutschen sollen sich gut integrieren.
Doch trotz (oder gerade wegen?) dieser Art der „Abstimmung mit den Füßen“ über die EU und den damit einhergehenden Einwanderungswellen aus EU-Ländern ist Schweizerdeutsch im Trend. Bei der Jugend ist es beliebt, womit der Trend sich fortsetzen dürfte.
Vor 25 Jahren gab es im Schweizer Fernsehen fast keine Sendung in Schweizerdeutsch. Vor wenigen Jahren wurde nun sogar der Wetterbericht auf CH-Deutsch umgestellt, was teilweise zu heftiger Kritik und Debatten führte. Als Argument gegen Schweizerdeutsch im Wetterbericht wurde etwa angeführt, daß Touristen ja kein Schweizerdeutsch verstünden.
Aufgrund des mangelnden Gebrauchs der offiziellen Nationalsprache Deutsch, ist Hochdeutsch für einen Großteil der Schweizer wie eine Fremdsprache. Viele empfinden das Schriftdeutsch als schwerfällig und distanziert.
Und sie haben tatsächlich recht. Wer einmal die gleiche Kurznachricht (SMS) in Schriftdeutsch und in Schweizerdeutsch verfaßt, wird feststellen, daß er in CH-Deutsch ein Viertel bis sogar ein Drittel weniger Buchstaben braucht.
Schweizerdeutsch ist daher wirklich ausdrucksstärker, aber vor allen Dingen auch präziser und kürzer in der Kommunikation.
Es erschein gut vorstellbar, daß Schweizerdeutsch in Zuunft einmal zur fünften Landesprache erklärt wird, so wie es mit Letzeburgisch in Luxemburg in den 80er-Jahren geschah.
Mit zur Beliebtheit des Schweizerdeutschen tragen auch die mißlungenen Rechtschreibreformen bei, welche in der Schweiz viel Unmut hervorriefen und bis heute nicht akzeptiert sind. Zwar hieß es, die Schweiz müsse mitmachen, wenn Deutschland so eine umstrittene Reform der Rechtschreibung praktiziert. Um der Einheitlichkeit der Schriftsprache wegen.
Bis heute gibt es jedoch in der Schweiz keine einzige Zeitung, welche die neue deutsche Rechtschreibreform 1 zu 1 umsetzt.
Selbst Zeitungen, welche sie offiziell mitmachen, wenden unsinnige Regelungen und sprachliche Zumutungen (www.PeterEMueller.ch) der zahlreichen Rechtschreibreformen bis heute nicht an.
Und es wurde nach über 10 Jahren Abwarten und Hoffnung auf Besserung eine eigene Orthografische Konferenz, die SOK (Schweizer Orthographische Konferenz) gegründet, welche sich wohl in hohem Maße auch als Notwehrinstitution gegen verordneten Rechtschreibunsinn sieht. (www.SOK.ch)
Daher ist die Abneigung gegen das Hochdeutsche stark gestiegen. Dem ursprünglich immer wieder proklamierten Haupt-Reformziel der Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum hat die mißlungene Rechtschreibreform somit einen Bärendienst erwiesen.
Inzwischen heißt es, daß ja in Deutschland ohnedies jeder schreibe, wie er möchte. Alles sei irgendwie richtig; Regeln, die ihren Namen verdienen, gibt es nicht mehr. Die Flut an immer neuen Änderungen und Schreibmöglichekeiten (vornehm „Variantenschreibungen“ genannt) sowie Berichte von Lehrern aus Deutschland bestätigen diesen Zustand.