Der umstrittene Finanzminister und Bundesrat Merz (FDP) und Autor von erotischer Literatur, u. a. von „Der Landammann“ betätigt sich abermals para-lyrisch, diesmal anläßlich des Jubiläums des Eidg. Jodlerverbandes:
Rede von Hans-Rudolf Merz, Vorsteher des Eidgenössischen Finanzdepartements EFD, 100 Jahre Eidgenössischer Jodelverband, Bern, PostFinance-Arena, 8. Mai 2010.
Liebe Frau Zentralpräsidentin
Lieber Herr Präsident der Jubiläumskommission
Liebe Jodlerinnen und Jodler
Liebe Alphornbläserinnen und -bläser,
Liebe Fahnenschwingerinnen und Fahnenschwinger
Liebe Gäste
„Wo man jodelt, da lass Dich nieder“.

Tausende von Ihnen sind heute diesem Motto gefolgt. Mit einer Sternfahrt aus allen Landesteilen und sogar aus dem Ausland sind Sie nach Bern gereist, um dem Eidgenössischen Jodlerverband zu seinem 100. Geburtstag zu gratulieren.
Ich habe mich der Fahrt gerne angeschlossen. Denn wie Sie, liebe Freundinnen und Freunde des Schweizer Brauchtums, lasse ich mich von Herzen gerne nieder wo gejodelt wird, wo das Alphorn ertönt und wo unsere Fahnen wehen. Zu einem Festakt wie dem heutigen gehören ein paar Worte. Ich will mich kurz fassen, denn:
„Ein Jodel sagt mehr als tausend Worte“.
Jodeln ist in seinem Ursprung eine Form der Kommunikation. Schon vor Urzeiten haben unsere Vorfahren jodelnd die Unwegsamkeiten unserer Alpen überwunden. Mit dem Lockruf hielten sie die Herde zusammen, und mit ihren herzhaften Juchzern teilten sie sich über Berg und Tal ihren Mitmenschen mit. Man kann sich kaum eine offenere Form der Kommunikation vorstellen, als einen aufrichtigen Jutz. Jodeln ist eine Sprache, die keiner Grammatik und keiner Übersetzung bedarf. Alle verstehen sie. Doch Jodeln ist viel mehr als nur Mitteilung – daher sagt der Volksmund:
„Sag mir, wie Du jodelst, und ich sag Dir, wies Dir geht“.
Was will ich damit sagen? Jodeln ist Gesang. Doch dieser Gesang entspringt nur vordergründig Kehlkopf und Stimmbändern. In Wahrheit entstammt er der Seele selbst. So drückt sich im Jodel immer auch die Befindlichkeit der Singenden aus. Sobald dann ein Jodel angehoben ist, bewirkt er seinerseits eine Stimmung zurück. Im stimmungsvollen Wechselspiel von Singenden und Gesang findet die ganze Tonleiter menschlicher Gefühle ihren Ausdruck. So kann ein Jodel Ausgelassenheit oder einfach pure Lebensfreude vermitteln. Das Wort „Jodeln“ stammt nicht umsonst von „Johlen“ und „Jubeln“ ab.
Es gibt aber durchaus nicht nur den fröhlichen, sondern auch den trotzigen Juchzer. Wenn zum Beispiel den Appenzeller Bauern etwas Ungnädiges zustösst, dann antworten sie bisweilen mit einem Jutz. So jauchzen sie sich ihre Unbill gewissermassen von der Seele weg.
Schliesslich kann ein Jodel auch Feierlichkeit und Erhabenheit verströmen. Besonders unter die Haut gehen Jodlermessen und Berggottesdienste mit Jodellieder-Begleitung. Intensiver kann man die Liebe zur Heimat und die Nähe zu Gott kaum erleben. Die gleiche Feierlichkeit verbreiten das erhabene Alphornblasen – vor allem wenn es noch im Echo der Alpen seinen Widerhall findet – und das majestätische Flattern des Fahnenschwingens.
Lebensfreude, Zähigkeit und Erhabenheit – es ist kein Zufall, dass sich der Eidgenössische Jodlerverband das Edelweiss als Symbol gewählt hat. Diese Bergblume steht nämlich für Empfindungen, wie sie der Jodel ausdrückt. Für eines steht das Jodeln jedoch nicht: Einsamkeit, denn:
„Ein Jodler kommt selten allein“.
Es gibt ihn zwar, den einsamen Jodler. Doch seit früher Zeit gesellten sich Jodler zusammen, um im Naturjodel mit Chorbegleitung – beim Zauern, wie die Appenzeller sagen – die Gemeinschaft zu feiern. Doch nicht nur die Chorstimme – beispielsweise beim Gradhäbe – begleitet den Jodel, sondern bisweilen auch urige Instrumente wie das kraftvolle Schelleschötte oder das kecke Talerschwingen. Jodeln verbindet nicht nur die Darbietenden untereinander. Wie ein Zauber ergreift es auch die Zuhörerschaft und löst in ihnen ein harmonisch-wohliges Gefühl des Schauderns aus. Die Texte der Jodellieder tragen das ihre dazu bei.
Noch in einer andern Hinsicht sind Jodler nie alleine – Ihre Leidenschaft wird nämlich auf der ganzen Welt geteilt. So finden sich verwandte Musikkulturen in unzähligen Völkern dieser Erde. Und die schweizerische Ausprägung ist ein Exportschlager. Hiervon legen die zahlreichen Auslandschweizer-Jodelgruppen beredtes – oder eben besungenes – Zeugnis ab. Ich heisse unsere Miteidgenossen aus dem Ausland heute besonders willkommen.
Ganz besonders freut mich schliesslich auch, wie der Nachwuchs bereits seine Stimme erhebt. Die Jungen ermuntere ich, die Begeisterung für unser musikalisches Brauchtum zu pflegen. So vererbt sich der Notenschlüssel zur musikalischen Schatztruhe von Generation zu Generation. Gar manche Generation wurde übrigens schon vom Eidgenössischen Jodlerverband mitgetragen. Denn er ist:
„100 Jahre, und kein bisschen leise“.
Die Beständigkeit des Verbandes erstaunt nicht. Zwar ist die Jodlergemeinde, wie wir Schweizerinnen und Schweizer im Allgemeinen, ein freiheitsliebendes Völklein. Dennoch, oder gerade deshalb, hat sie ihrer Gemeinschaft eine starke Struktur gegeben. So wie sich die Eidgenossen vor gut 160 Jahren im Bundesstaat verfassten, so schufen die Jodelgenossen genau heute vor 100 Jahren den Eidgenössischen Jodlerverband. Wie unser Land ist auch der Jodlerverband basisdemokratisch und föderalistisch aufgebaut. Er belässt seinen Mitgliedern so viel Freiheit als möglich, unterstützt sie aber, wo immer es nötig ist. Er bildet aus, fördert, koordiniert, komponiert und organisiert. Gerade letzteres erleben wir heute in beeindruckender Form.
Dagegen wirkt mein persönliches Engagement für das Jodeln geradezu bescheiden. Immerhin aber habe ich in meinem Präsidialjahr dem Bundesrat sowie dem russischen Staatspräsidenten das Talerschwingen beigebracht! Der gleichmässige Dreiklang aus den Schwüngen ganz unterschiedlicher Herkunft und Kultur war äusserst harmonisch. Überhaupt können viele Politiker von Ihnen nur lernen. Sie sollten wie Sie besser gradhäbe unter Kollegen oder lernen, den guten Ton zu wahren und auf die Mitsingenden einzugehen. In Schwierigkeiten sollten wir wieder gemeinsam ins gleiche Horn stossen und für unser Land Flagge zeigen.
Liebe Freundinnen und Freunde des Eidgenössischen Jodlerverbandes: Seit 100 Jahren setzt sich Ihr Verband für die Gesellschaft und Kultur in unserem Land ein. Hierfür entbiete ich Ihnen den herzlichsten Dank des Bundesrates. Das Geschenk in Form einer Jubiläums-Briefmarke haben Sie bereits erhalten. Möge Sie Ihnen Ansporn sein, weitere 100 Jahre jodlerische Präsenz zu markieren und unserem Land Ihren musikalischen Stempel aufzudrücken.
Ich freue mich darauf. Denn wie gesagt: Wo man jodelt, da lasse ich mich gerne nieder. Immer wieder.