
Von Remo Maßat
Bündner Tagblatt (Südostschweiz) vom 23. November 2013: Larissa Margot Bieler – die allein aufgrund der Tatsache, daß sie eine Person weiblichen Geschlechtes (eine Frau) ist, als Chefredaktorin hochgefeiert wurde – fordert unter der Leitartikel-Überschrift „Larissa Margot Bieler über ein Prostitutionsverbot: Eine neoliberale Form der Sklaverei.

Nicht nur Bischof Vitus Huonder und andere dürften jubeln. Das linke Mantra von der sexuellen Befreiung und das Mantra „Prostituierte / Prostituierter“ sei ein ganz normaler Beruf, wird ausgerechnet von der Zeitung massiv angegriffen, welche in der Vergangenheit immer aufs Allerschärfste jeden noch so kleinen Funken von Forderungen nach Werten angegriffen hat, welche Huonder und das Bistum Chur vertraten.
Um mal bei diesem prominenten Beispiel (eines von vielen) von hier Angegriffenen zu bleiben.
Man könnte fast meinen, die notorisch links schreibende Südostschweizpresse hätte zumindest beim Bündner Tagblatt eine Wandlung vor sich.
Larissa M. Bieler fordert also ein Prostitutionsverbot für die Schweiz, wobei sie nicht sagt, wie sie dabei vorgehen will. Denn ein Verbot der Prostitution müßte konsequenterweise z. B. auch ein Verbot von Pornofilmen miteinschließen. Schließlich lassen sich auch hier Frauen und Männer für Sex bezahlen. Und mehr: Sogar noch dabei filmen.
Generell finde ich ein Prostitutionsverbot überdenkenswert. Denn es gibt nur Verlierer. Sowohl auf der Seite derjenigen, die Prostituition anbieten als auch auf der Seite, die Prostituion kaufen.
Aber die Argumentation von Bieler finde ich zutiefst abstoßend.
Sie schreibt zwar, daß sie keine männerfeindfliche Emanze sein möchte („nicht gleichzusetzen mit Männerfeindlichkeit“, „nicht gleichzusetzen mit emanzipatorischem Gehabe“).
Dennoch ist der ganze Leitartikel von Männerfeindlichkeit nur so durchtränkt.
Nicht etwa, weil Bieler Alice Schwarzer zitiert.
Sondern aus folgenden Gründen:
Bieler bezieht sich bei ihrer Forderung nach einem Prostitutionsverbot ausschließlich auf das Leid der Frauen. Daß auch Männer, die sich von Prostituierten verführen lassen, Leid davontragen, kommt ihr nicht in den Sinn. Für einen Mann ist es also nach Logik von Larissa Margot Bieler per so was Schönes, Prostitution zu kaufen, Frauen erleiden per se Traumata.
Ich bin eher der Ansicht, die Philippe Wampfler einmal so schön auf seinem Blog vertrat, als er sich ebenfalls für ein Prostitutionsverbot starkmachte, daß es nur Verlierer gibt. Und zwar auf beiden Seiten. Nicht nur auf der Seite der Frau, wie Bieler es weismachen will.
„Und die Freier schaffen den Markt für kaufbaren Sex. Hier muß angesetzt werden“, so Bieler. Also „Frau gut + Frau Opfer“, „Mann böse + Mann Täter“, beim Täter muß man ansetzen und das Opfer schützen.
Daß es auch Frauen gibt, die sich vom Geld verlocken lassen und die einfach – auf Kosten der Männer – ihren Körper für dieses schnelle Geld verkaufen? Das scheint laut Bieler anscheinend nicht möglich.
Bzw. doch: Weiter oben klagt sie zu den Frauen „Der monetäre Verdienst ist verlockend“.
Aber alles nicht im Täter-Tenor, denn Frauen sind ja keine Täter, sondern im Tenor: Die armen Frauen lassen sich wegen dem verlockenden Geld in die Prostitution ziehen. Die armen Opfer.
Ich finde die Forderung von Bieler in der Sache richtig, aber die Männerfeindlichkeit in Bieler Artikel zutiefst abstoßend. Eine ganz asoziale Denkart, so zu tun, als wären Frauen per se gut und Männer per se die bösen Täter.
Und bei der Forderung, man müsse bei den Männern ansetzen, die Prostitution kaufen und nicht bei den Frauen, die Prostitution anbieten, vergißt Bieler, daß es typisch weiblich ist, mit dem Körper Geld zu verdienen. Die Männer sind nicht daran schuld, wenn Frauen ihren Körper verkaufen.
Frauen sind selbstständig denkende Wesen mit einem Gehirn und Verstand, genauso wie Männer. Und doch ach so emanzipiert.
Also bitte nicht die Leier von den bösen Männern, bei denen man ansetzen müsse.
Ein ganz anderer Punkt, der die Perversion dieser „Logik“ von Frau Bieler aufzeigt, ist, daß normalerweise immer beim Anbieter angesetzt wird, wenn man etwas verbieten möchte. Ob Zigaretten, Alkopops, Drogen und so weiter.
Mit der gleichen Argumentation könnte man zum Beispiel in der Drogenpolitik die Drogenkonsumenten bestrafen und nicht die Drogenanbieter. Oder den Zigarettenraucher und nicht den Anbieter. Bei Frauen ist es aber anders: Hier muß nicht bei den Anbietern (Zuhältern + Prostituierte) angesetzt werden, sondern bei den Männern. Denn Männer sind ja die Bösen, Frauen die Guten.Schon die Überschrift: Frauen sind (Opfer) in der Sklaverei. Männer (natürlich) die Täter. (Sklavenhalter) Daß vielleicht Männer die Sklaven des angeblich schwachen Geschlechtes sind, wenn sich die Frauen für Geld anbieten, so könnte man es auch sehen. Die Theorie des angeblich schwachen Geschlechtes stimmt schon lange nicht mehr, nicht nur hier, sondern auch bei Gleichberechtigung (keine Wehrpflicht, weniger Lebensarbeitszeit für Frauen, niedrigere Strafen usw. usf.)Schade, daß Bielers Leitartikel in entlarvender Art und Weise nur so von Männerfeindlichkeit trieft. Denn in der Sache gebe ich ihr zu großen Teilen recht. Sie schreibt weiter unter anderem: Klar ist, wir haben diese Gesellschaft, die den Konsum und der Promiskuität huldigt, zu dem gemacht, was sie heute ist.Und dann folgt: „Ob das die Frauen ihre Menschenwürde kosten darf, darüber muß die Schweiz als zivilisiertes Land diskutieren.“Auch dieser Satz wäre richtig, wäre er nicht einseitig männerfeinlich. Denn beide – sowohl Frauen (Prostituierte) als auch Männer (Freier) verlieren bei der Prostitution ihre Menschenwürde. Der Satz müßte heißen:
„Ob das die Frauen und Männer ihre Menschenwürde kosten darf, darüber muß die Schweiz als zivilisiertes Land diskutieren.“Daher die Frage an Frau Bieler: Warum ist denn nur von der Menschenwürde der Frauen die Rede. Die es ihre Menschenwürde kostet, wenn sie Freier verlocken, bei Ihnen Sex zu kaufen. Und die Menschenwürde der Freier, die für etwas, was eigentlich unbezahlbar sein sollte – Liebe, Zuwendung, Intimität, Sex – für teures Geld bezahlen? Deren Menschenwürde gibt es nicht?
Ansonsten finde ich die Forderung nach einem Verbot der Prostitution durchaus überdenkenswert. Denn daß es das älteste Gewerbe der Welt ist, mag zwar sein. Und daß Frauen sich immer für die Verlockung von Geld oder anderen Vorteilen prostituiert haben, mag auch sein. Dennoch: Daß etwas schon immer so war, muß kein Argument sein. Nach dieser Logik könnte ein Steinzeitmensch auch gefordert haben, die Menschen müßten weiter in Höhlen leben. Denn dies war schon immer so.
Hier noch zwei Zitate zur angeblichen Daueropfer-Rolle der Frau und passend zur Vorstellung von Bieler, daß Frauen bei Prostitution ausschließlich Opfer sind:
Wenn du siehst, wen einige Mädchen heiraten, weißt du, wie sehr sie es hassen müssen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Helen Rowland
Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, daß sie kaum noch wahrgenommen wird. Die Männer scheinen so eingeschüchtert zu sein, daß sie sich nicht wehren. Aber sie sollten es tun. Doris Lessing
Kleiner Nachtrag:
Frau Bieler spricht sicher auch nicht unbewußt nur von den armen Frauen als Opfern bzw. nur von den armen Opferfrauen, deren Menschenwürde leidet. Bei der Südostschweiz wurde sie so vorgestellt im Vorfeld der Übernahme der Chefredaktion:
Arbeitet derzeit in Paris und Mannheim an ihrem Dissertationsprojekt zum Verhältnis von Sinneswahrnehmung und sprachlichem Ausdruck im Geschmacksdiskurs. Ihr Interesse als germanistische Linguistin für die Sprache als Medium zur Konstruktion und Gestaltung von Gesellschaft und Kultur vertiefte sie in der Tätigkeit als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin und Dozentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich.
Und noch ein Nachtrag:
Auch andere Stimmen äußern sich, namentlich der Chefredaktor der ebenfalls zur SO-Medien gehörenden Südostschweiz, Andrea Masüger.