
In der Schweiz leben die glücklichsten Europäer. Das zeigt eine Studie des EU-Statistikamtes (ausgerechnet!) bei der über 366’000 Bürger aller Länder in Europa befragt wurden.

Doch was die eigene Welteinstellung nicht sein kann, darf offenbar nicht sein. Es sorgt somit die frohe Kunde aus der EU keineswegs für Freude, sondern für Beklemmung.
Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger warnt sogleich, diesen Ergebnissen zu großes Gewicht beizumessen und bezweifelt die EU-Studie.
„Wir neigen dazu, uns glücklicher einzuschätzen, als wir tatsächlich sind“ führt er als an den Haaren herbeigezogene Begründung in der Regenbogenpresse (20 Min) an.
Dabei ist eher das Gegenteil der Fall:
Wieso sollen sich Schweizer glücklicher einschätzen als sie sind?
Schweizer sind akribisch, genau und nicht gerade für ihren ausschweifenden und glückselig-locker-flockig geführten Lebenswandel bekannt. Ganz im Gegensatz zu den lebenslustigen und feierfreudigen Griechen. (zumindest vor der Euro-Einführung).
Nur: Diese sind aber in der Skala der glücklichsten Europäer die unglücklichsten, zusammen mit den Bulgaren.
Auch dafür aber hat Binswanger eine tolle Erklärung:
Er äußert, daß die Menschen in Rumänien und Griechenland sich wohl eher beklagen und führt es auf die „unterschiedlichen Mentalitäten“ zurück:
„In Südeuropa herrscht eine andere Mentalität, die sich auch in den tieferen Umfragewerten niederschlägt.“
Hä? Schweizer mit euphorisch-südländischer Mentalität und Griechen und Bulgaren mit griesgrämiger Mentalität?
Als ob Griechen nicht gerne feiern würden und keine fröhliche Menschen sind (so ist ja die weitläufige Fremd- und Eigeneinschätzung der Griechen. Und zumindest, die die ich kenne sind es bzw. waren es bis zum Datum Euro-Einführung in Griechenland).

Als ob Griechen als griesgrämig und nicht als feierfreudig bekannt wären. Dabei sind doch die Deutschen eher mit dem Etikett griesgrämig behaftet oder die Schweizer. Alles, was Binswanger hierzu von sich gibt, wirkt daher an den Haaren herbeigezogen.
Und gerade von den Deutschen heißt es doch immer, daß sie „Weltmeister im Jammern“ (sich-beklagen) sind.
Wie erklärt uns Binswanger jetzt diese Widersprüche? Manchmal ist es wohl besser, einfach still zu sein, wenn man sich über das Ergebnis einer Studie einfach nicht freuen kann. Anstatt irgendwas an den Haaren Herbeigezogenes von sich zu geben, das augenscheinlich völliger Blödsinn zu sein scheint.
Was ich mich aber frage:
Warum mag Binswanger die Ergebnisse der EU-Studie offenbar nicht? Was stört ihn am Ergebnis, daß ausgerechnet die Schweizer als Nicht-EU-Bürger die „glücklichsten Europäer“ sind?
Jeder normale Mensch, der in einem Land lebt, das bei einer Umfrage bei den eigenen Leuten zum eigenen Glück so gut wegkommt, würde sich freuen.
„Auch wenn unser Bruttoinlandprodukt noch weiter steigen würde, wären wir wohl nicht glücklicher“ warnt Binswanger.

Aha!
Andere Erklärungen hat der angebliche „Glücksforscher“ nicht?
– Hat er mal darüber nachgedacht, daß in der Schweiz die Freiheit und Selbstbestimmung sehr hoch sind? Auch im Vergleich zu Deutschland, also dem Land, aus dem ich stamme.
– Oder hat er mal daran gedacht, daß die Schweiz sehr viel Eigenständigkeit und Vielfalt lebt (der vielgescholtene Kantönligeist) und nicht so zentralstaatlich ist wie Deutschland, Griechenland oder Frankreich?
– Daran, daß die Schweiz Vielfalt und Eigenverantwortung lebt?
– Daran, daß die Schweiz weniger Vorschriften und weniger Reglementierung kennt? (leider übernimmt sie gegenwärtig ganz viel von der EU, 80% aller neuen 60.000 Gesetzesseiten, die jedes Jahr in der Schweiz dazukommen, sind übernommenes EU-Recht! Da hätte der Wirtschaftsprofessort doch mal warnen können, daß das Glück in Gefahr ist!)
– Oder hat er mal daran gedacht, daß der Unterschied zwischen Arm und Reich – ganz im Gegensatz zu Deutschland oder anderen EU-Ländern etwa – in der Schweiz weitaus niedriger ist?
– Daran, daß die Selbstbestimmung in der Schweiz (und anderen glücklichen Ländern) viel höher ist?
– Oder daran, daß in der Schweiz die Menschen keine Angst vor Geldentwertung haben müssen?
– Daran, daß all die Länder, die bei Glück ganz oben sind, eine stabile Wirtschaft haben? Nein, er warnt, daß mehr Wohlstand nicht zu mehr Glück führen würde seiner Meinung nach.
– Daran, daß alle Länder, bei denen die Bevölkerung glücklich ist, eine stabile politische Situation haben?
– Oder daran, daß alle Länder, in denen die Einwohner am glücklichsten sind, kleine Regierungen haben statt zentralstaatliche Großmoloche? (Dänemark, Holland, Belgien, Luxemburg, Finnland, Schweden, Norwegen, Island und auch Österreich)
– und an 1.000 andere gute Gründe, warum das Ergebnis der Studie so ausgefallen ist, wie es ausgefallen ist?
Nein. Da kommt ein Wirtschaftsprofessor und „Glücksforscher“ (Zitat 2o Minuten) und hat keinerlei andere Erklärungen als sowas ausgesprochen Dummes, daß die Schweizer sich halt zu glücklich einschätzen würden.
Unglücklich sein muß man wohl nur, wenn man als Student bei so einem Wirtschaftsprofessor studiert. Denn da kann man dann wirklich nicht viel lernen. Bei jemand der so erschreckend Stumpfsinniges von sich gibt zu einem eigentlich erfreulichen EU-Studienergebnis.
Remo Maßat